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Sie verlassen die digitale Welt.

Herrlich kompliziert digitalisiert

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Es erstaunt mich immer wieder, wie schwierig es ist mit anderen in Kontakt zu kommen. Besonders, wenn ich eines meiner Hobbys und Ärzte als Beispiel heranziehe. Ich betreibe Genealogie, als erforsche meine Familiengeschichte. Dabei habe ich gezwungener Weise Kontakt zu Behörden, Archiven und anderen Einrichtungen. Als Digitial Nativ, wie man mich bezeichnet, stellt das öfters mal vor enorme Herausforderungen.

Wenn ich in den Unterlagen meiner Familiengeschichte krame und recherchiere ist das Internet ein wahrer Segen. Genealogen schätzen das Netz sehr, lassen sich doch schnell viel abgrasen, wofür man vor dem Internet durch das Land reisen musste, um in Katalogen, Kirchenbüchern und Archiven suchen musste. Das war zeitaufwändig, teuer und ziemlich schwierig zu organisieren, was alles unnötig in die Länge gezogen hat.

Nun, 2013 ist das Internet eigentlich überall. Smartphones und Tablets leisten ihren Beitrag zur ständigen Verfügbarkeit des Netzes. Doch, ja, es gibt Ausnahmen, und das nicht zu knapp. So würde ich gerne eine Anfrage auf Auskunft erhalten über einen meiner Verwandten. Eine einfache Anfrage online beim Standesarchiv zu stellen ist nicht immer möglich. Rostock oder Würzburg sind hier tolle Ausnahmen. Da klappt das wunderbar, wenn man ein berechtigtes Interesse glaubhaft nachweisen kann. Die Kontakte waren auch nach meiner Erfahrung immer super. Andere Behörden hingegen verweigern sich total. Zwar wird eine E-Mail-Adresse auf der Webseite angeboten, aber gewollt scheint das nicht.

So musste ich es bei einem Standesamt erleben, dass ich eine E-Mail verschickt hatte und mein Anliegen ausführlich geschildert hatte, aber keine Antwort bekam. Nach ca. 2 Wochen, ich wollte schon eine Erinnerungs-E-Mail schreiben, kam dann ein Brief per Post (!), in dem Bezug auf meine E-Mail genommen wurde (worauf auch sonst?!). Darin teilte man mir mit, dass ich Anfragen doch gefälligst per Post schicken sollte. Da finden schon die Schwierigkeiten an, denn ich habe keinen Drucker mehr. Handschriftlich kommt ja auch nicht in Frage, meine Handschrift sieht furchtbar aus und ist kaum leserlich. Da scherzt man ja immer gerne, dass man im früheren Leben Arzt war. Da frage ich mich dann allerdings, was ich denn bloß im letzten Leben angestellt habe, dass ich nicht wieder Arzt geworden bin. Das ist aber ein anderes Fass.

Mein Vorgehen ist dann dieses, das ich meine Anfrage auf einen USB-Stick packe und bei meinem nächsten Weg in die nächstgelegene Stadt in einem Copy-Shop ausdrucken lasse. Das kostet mich dann 20 Cent und locker 45 Minuten meiner Zeit, in der ich doch anderes machen könnte. Alles eintüten, eine Briefmarke aus dem Automaten geholt und ab mit der Post. Das alles, um dann einige Zeit später einen weiteren Brief zu erhalten mit den Kosten, die meine Anfrage verursacht. Klar, das wird dann schnell bezahlt und wieder ein Brief mit der Info, dass die Kosten bezahlt wurden. Danach kann ich dann im Schnitt mit 1 – 4 Wochen Wartezeit auf meine Auskunft warten.

Noch schlimmer war eine Anfrage für ein Testgerät (Tablet) eines Herstellers. Gerne würde man mir ein Gerät zukommen lassen. Dafür sollte ich dann den Leihvertrag unterschreiben und per Fax zurück schicken. Problematisch. Wie bereits erwähnt, habe ich keinen Drucker und ein Faxgerät erst recht nicht. Es hatte einige E-Mails gebraucht, damit mein digital unterschriebenes PDF akzeptiert wurde. Das hat mich insgesamt über eine Woche Zeit gekostet.

Meine Ärzte sind auch ein sehr gutes Beispiel für konsequente Verweigerung neuer Kommunikationswege.  Ich kann nur Kontakt aufnehmen, wenn Sprechzeit ist. Einen Termin zu bekommen muss mühsam mit der Sprechstundenhilfe abgeklärt werden. Kontakt per E-Mail? Ne, gibt es nicht. Eine Online-Terminanwendung, in der man selbst nach einem Wunschtermin suchen und diesen buchen kann? Ist mir bisher noch nie untergekommen. Machbar? Natürlich. Ich möchte einfach gerne selber entscheiden, wann ich mit jemanden Kontakt aufnehme und möchte nicht an Sprechstundenzeiten gebunden sein. So manch ein Arzt und dessen Sprechstundenhilfen sind bei den knapp bemessenen Sprechstunden mit dem Ansturm der Patienten total überfordert. Da mal telefonisch durchzukommen grenzt an ein Wunder. Also, lasst mich bitte online selbst einen Termin für meinen Besuch buchen.

Und wieso kann ich mit so vielen Behörden, besonders mit Ärzten nicht schnell via E-Mail kommunizieren? Es ist nicht notwendig sofort zu antworten und ideal, um einfach mal ein paar Stunden später oder am nächsten Tag zu antworten.

Und wenn alles digital funktioniert, dann gibt es da wieder die größte Hürde. Sonderfall Mensch. Was da ab und vorm Monitor sitzt, ist schon einen eigenen Bericht wert. In einer Behörde wurden Antworten verfasst und als Anhand mitgeschickt, wenn man eine Anfrage per E-Mail geschrieben hat. Schlecht nur, dass ich als Windows-Nutzer eine Datei bekomme, die sich nur mit dem Mac öffnen ließ. Also gab es noch einmal eine E-Mail mit dem Hinweis, dass ich die Antwort im Anhang nicht öffnen kann, weil ich keinen Mac habe. Anstatt das zu ändern, wurde mir eine Antwort-E-Mail geschickt, die wieder einen Anhang hatte, den ich ebenfalls nicht öffnen konnte.

Andere Ämter verweigern sich komplett der digitalen Welt. Ein Formular kann zwar schnell online heruntergeladen werden, doch die Schlauköpfe erwarten dann, dass man dieses ausdruckt, ausfüllt, unterschreibt und dann per Post zu ihnen schickt oder halt persönlich abgibt. Digital ausfüllen, online bereitstellen (über Cloudanbieter) oder per E-Mail ist dann nicht möglich und wird nicht akzeptiert. Obwohl mein ausgedrucktes und abgegebenes Formular in der Regel in der entsprechenden Behörde, Dienststelle, oder sonst wo durch einen Praktikanten sowieso wieder eingescannt wird, damit die Kollegen und Sachbearbeiter nicht hunderte Formulare auf dem Tisch liegen haben…

Es ist unbegreiflich, wie flexibel man selbst sein muss, um überhaupt mit anderen, die es nicht sind, in Kontakt zu treten.

Autor: Jens Lehmann

Hallo, ich bin Jens und der Gründer des Freizeichens und betreibe das Blog bereits seit 2010. Ich habe eine Ausbildung zum Bürokaufmann abgeschlossen und seit 2009 bin ich Student der technischen Redaktion und seit 2011 des Informationsmanagement an der Hochschule Hannover. Ihr könnt mich auch bei Twitter, Google+ und Facebook finden.

6 Kommentare

  1. Hallo Jens, über http://www.epost.de kannst Du ohne Drucker Briefe versenden. Damit fällt auch das lästige kuvertieren und frankieren weg.

  2. Oh ja, wie sehr ich Dir zustimmen kann….. in meiner momentanen Situation merke ich das um so mehr:

    Kindergeldantrag = Internet
    Elterngeld = Analog
    Erziehungsgeld = Antrag Internet, ausfüllen und versenden Analog

    Eben aus diesen Gründen bin ich nicht vollständig auf digital umgestiegen. Da Fax steht noch da, der Drucker sowieso, weil das überarbeiten und Korrekturlesen von Buch-Kapiteln analog einfach besser geht.

    Mein Zahnarzt informiert über Termine zwar per E-Mail, aber machen kann ich sie nur am Telefon oder persönlich…

    Topic: Ahnenforschung

    Das klingt interessant. Vielleicht sollte ich auch mal damit anfangen, denn ich kenne den Stammbaum nur bis zu den Urgroßeltern. In unserer Familie ist da irgendwas im argen… hat man doch ne über die weiteren “Verhältnisse” gesprochen.

    • Mich nervt es nur noch, dass ich das eine digital, das andere wieder nur analog machen kann. Der Hinweis auf den ePost-Brief war gut und scheint, minimal teurer zu sein. Werde ich wohl bald mal antesten. Bei Ärzten kann ich das wirklich kaum nachvollziehen. Wenn ich eine Praxis hätte, dann würde doch ein System, bei dem die Patienten selbst einen Termin buchen können das Personal enorm entlasten.

      Familienforschung ist ein sehr spannendes Thema und weckt auch Interesse an Geschichte (wie haben die damals gelebt? wie war das damals? usw.). Bedenke aber, das ist kein Hobby für ein paar Wochen oder Monate, das dauert Jahre, Jahrzehnte…

  3. Das glaube ich gerne, dass das kein kurzzeitiges Hobby ist. Da bei mir so gut wie alle Verwandten inzwischen weggestorben sind, wäre das auch nur eine “Ego Befriedigung”. Ich habe meine eigene Familie… bald zu viert ;-)

    • Dann, wenn schon so viele verstorben sind, wirst du (falls du das mal in Angriff nimmst) sehr viel Zeit mit Archiven verbringen… Ist mir selber deutlich lieber, als mit ihnen persönlich zu sprechen ;-)

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